Ist Nachhaltigkeit das neue Normal?

Welche Rolle spielen Zertifikate in der Immobilienbranche von heute und morgen?

Panel am 15.01.2026 auf der Immo26:  ist Nachhaltigkeit das neue Normal und welche Rolle spielen Zertifikate in der Immobilienbranche von heute und morgen? 

Im Rahmen der IMMO26 lud die SGNI zu einem Panel ein, das eine zentrale Frage der Branche in den Mittelpunkt stellte:
Ist Nachhaltigkeit das neue Normal und - was ist der Nutzen von Zertifikaten?

Unter der Moderation von Anja Bundschuh (Geschäftsführung C33 – Schweizer Koordinationsstelle für zirkuläres Bauen) diskutierten führende Vertreter der Schweizer Immobilienwirtschaft über ihre Erfahrungen, Strategien und unterschiedlichen Perspektiven.

Teilnehmende auf dem Podium:

  • David Guthörl, Head of Sustainability, Allreal Gruppe

  • Drazenka Dragila Salis, Head Development & Construction, Swiss Prime Site Immobilien AG

  • Patrik Stillhart, CEO, Zug Estates Holding AG

  • Reto Grunder, CIO, PSP Swiss Property

  • Ronald Schlegel, Präsident SGNI

Ein gemeinsamer Ausgangspunkt – und viele Wege dorthin

Gleich zu Beginn wurde deutlich:
Nachhaltigkeit ist in der Immobilienwelt angekommen. Sie wird heute nicht mehr als Zusatz verstanden, sondern als grundlegende Erwartung an Projekte, Portfolios und Unternehmen.

Und doch zeigte sich in der Diskussion schnell:
Von einem flächendeckenden «neuen Normal» kann noch nicht gesprochen werden. Viele Themen – insbesondere graue Energie, Materialwahl oder Kreislauffähigkeit – sind noch nicht in der Breite umgesetzt. Nachhaltigkeit ist ein klares Ziel, aber die Wege dorthin unterscheiden sich stark

Zertifikate: Pflicht, Orientierung oder Kommunikationsmittel?

Die Panelteilnehmenden vertraten unterschiedliche Strategien im Umgang mit Zertifizierungen – je nach Portfolio, Geschäftsmodell und Unternehmenskultur.

Nachhaltigkeit aus Überzeugung – auch ohne Label

Einige Unternehmen verfolgen seit vielen Jahren eine konsequente Nachhaltigkeitsstrategie, ohne sich primär an Zertifikaten zu orientieren. Der Fokus liegt auf inhaltlichem Fortschritt, Innovation und Zusammenarbeit mit Planungspartnern sowie Forschung. Zertifikate wurden teilweise erst später eingesetzt – etwa dann, wenn sie in der Vermietung oder Kommunikation einen klaren Mehrwert boten.

Interne Frameworks statt flächendeckender Zertifizierung

Besonders bei grossen Bestandsportfolios mit wenig Neubautätigkeit setzen einige Unternehmen auf eigene ESG-Modelle oder Ratings. Der Vorteil: Ein dynamischer Ansatz, der kontinuierliche Verbesserungen ermöglicht, statt eines statischen Labels zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Zertifikate als verbindlicher Standard

Andere sehen Zertifizierungen als klares «Muss». Sie helfen dabei, Verantwortung sicherzustellen und Nachhaltigkeit von Anfang an mitzudenken – bereits in der Phase 0, in der ein Projekt erst entsteht. Nachhaltigkeit wird dabei nicht als spät aufgesetzte Massnahme verstanden, sondern als Haltung, die vom ersten Gedanken an ein Projekt mitgedacht wird.

Der eigentliche Mehrwert liegt im Prozess

Ein zentrales Thema der Diskussion war die Frage, was Zertifikate tatsächlich leisten. Einigkeit bestand darin, dass ihr grösster Nutzen nicht im fertigen Label liegt, sondern im Weg dorthin.

Zertifikate können:

  • als Orientierung dienen

  • Themen strukturieren

  • Transparenz schaffen

  • Vergleichbarkeit ermöglichen

  • die Kommunikation mit Investoren und Mietern vereinfachen

Gerade bei internationalen Mietern kann ein anerkanntes Zertifikat den Zugang zu Vermietungsprozessen erleichtern.

Gleichzeitig wurde betont:
Ein Zertifikat, das erst kurz vor Abschluss eines Projekts angehängt wird, ohne Einfluss auf Planung und Umsetzung zu haben, stiftet kaum Wirkung.

Fazit: Gemeinsame Orientierung für eine nachhaltige Transformation

Die Diskussion hat eindrücklich gezeigt, wie unterschiedlich die Wege in der Praxis sein können – und wie wertvoll dabei ein gemeinsamer Referenzrahmen ist. Gerade in einer Branche mit vielfältigen Portfolios, Strategien und Ausgangslagen schaffen Zertifizierungen Orientierung, Struktur und Vergleichbarkeit.

Aus Sicht der SGNI wird deutlich:
Zertifikate sind weit mehr als ein Label. Sie geben eine klare Richtung vor, machen Qualität sichtbar und helfen, Nachhaltigkeit systematisch und messbar umzusetzen. Sie schaffen Vertrauen bei Investoren, Mietern und Nutzenden und unterstützen Unternehmen dabei, ihre Fortschritte transparent darzustellen.

Gleichzeitig wurde im Panel spürbar, dass Nachhaltigkeit dann ihre volle Wirkung entfaltet, wenn sie strategisch verankert und konsequent gelebt wird. Genau hier entfalten Zertifizierungssysteme ihre Stärke: Sie begleiten den Prozess, setzen Standards und fördern eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Themen.

Die unterschiedlichen Perspektiven auf dem Podium haben letztlich eines bestätigt:
Die Branche bewegt sich – und sie bewegt sich gemeinsam. Auch wenn Unternehmen verschiedene Schwerpunkte setzen, bleibt das Ziel dasselbe: zukunftsfähige, verantwortungsvoll entwickelte und betriebene Immobilien.

Das Panel zeichnete ein differenziertes Bild: Nachhaltigkeit ist in der Immobilienwirtschaft angekommen, aber noch nicht vollständig gelebtes Normal. Zertifikate sind dabei weder Allheilmittel noch überflüssig. Sie bieten Orientierung, schaffen Vergleichbarkeit und unterstützen Kommunikation und Vermarktung. Ihr grösster Wert liegt im strukturierten Prozess, den sie anstossen. Gleichzeitig gibt es keinen universellen Ansatz – jedes Portfolio, jedes Unternehmen und jedes Projekt braucht eigene Lösungen.

Am Ende stellt sich nicht nur die Frage, ob zertifiziert wird oder nicht. Entscheidend ist, wie ernsthaft Verantwortung übernommen wird und wie konsequent Nachhaltigkeit in Strategie, Entwicklung und Betrieb verankert ist. Zertifikate helfen zwar massgeblich Transparenz zu schaffen – aber sie ersetzen nicht die Haltung dahinter.

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